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VOM MUT, NEUES ZU WAGEN
EDITORIAL: ALEXANDRA WENDORF
Das Denken in gesamtwirtschaftlichen
Zusammenhängen hat zunehmend
auch Kunst und Kultur in den
Fokus von Wirtschaftsdebatten gelenkt.
Längstens haben Verantwortliche der
Politik und Wirtschaft erkannt, dass
kreatives Potenzial untrennbar mit einer
prosperierenden und innovativen Gesellschaft
einhergeht. „Kreativwirtschaft“
ist das Wort, das in aller Munde
ist und seit längerem den Kommunen
und Städten aus der finanziellen Misere
mithelfen soll. Die Definition des
Begriffs und eine klare Antwort, auf die
Frage, was nun eigentlich unter „Kreativwirtschaft“
zu verstehen sei, gibt es
allerdings nach wie vor nicht. Dies ist
insofern nicht ganz unproblematisch im
Hinblick auf die Rolle der Künstler im
Besonderen und die Bedeutung von
Kunst und Kultur generell. Hier steht die
Überlegung im Raum, was und wie gemessen,
vermittelt und gefördert werden
soll. Kunst als rein produktive
Leistung betrachtet, müsste zwangsläufig
nach ihrem Markterfolg bewertet
und entsprechend gefördert werden.
Eine wichtige Grundlage für kreatives,
künstlerisches Schaffen sind aber gerade
Unabhängigkeit und Unberechenbarkeit
statt Messbarkeit und Kalkül. Während
also Kreativität durchaus zweckgebunden
sein kann und sollte, kann dies für
Kunst gerade nicht gelten. Es ist die alte
Diskussion über die Freiheit der Kunst,
die an dieser Stelle nicht weitergeführt
werden soll, wohl aber zu Bedenken
gegeben wird.
Die Beispiele unseres Autorenteams,
das für diese Ausgabe neben der „Kreativwirtschaft“
auch außergewöhnlichen
Ausstellungsorten und -ideen nachgegangen
ist, zeigen, dass künstlerische
Projekte zumeist auch Auswirkungen auf
verschiedenen wirtschaftlichen Ebenen
haben. Sei es etwa die Atelier- und Produktionsstätte
Fabrik Hégenheim, mitten
im kulturellen Niemandsland gelegen:
Während Wirtschaftsunternehmen sich
hier seit langem zurückgezogen haben,
beleben nun Künstler den Ort und nutzen
das, was für andere nutzlos war.
Derartige strukturelle und regionale
Veränderungen lassen sich auch für
Berlin beobachten, wo der Umzug der
6. Berlin Biennale von der hippen
Berliner Mitte hin zum nun wieder
angesagten Kreuzberg zu heftigen
Reaktionen und Diskussionen geführt
hatte. Aber auch Projekte wie etwa der
als Gesamtkunstwerk konzipierte
„Kometor“ im kleinen oberösterreichischen
Peuerbach wird schnell einen regen
Besucherstrom nach sich ziehen. Sogar
künstlerische Interventionen in Berliner
Mausoleen und Initiativen in wissenschaftlichen
Museen bewirken Grenzüberschreitungen und synergetische
Prozesse, ohne dass diese intendiert
gewesen wären.
Grenzüberschreitungen gehören zur
Kunst. Künstler arbeiten in der Werbung,
Gestaltung und in zahlreichen kreativen
Berufen. Technologische Neuerungen
bieten ungeahnte Ausdrucksmöglichkeiten,
die Sehgewohnheiten und Rezeptionsfähigkeiten
verändern. Künstlerische
Prozesshaftigkeit führt zu jeweils neuen
Lösungen und Formen – ein Aspekt, der
viel mehr als jeder andere das Potenzial
von Kreativität charakterisiert. Es ist der
Mut, immer wieder Neues zu wagen und
neugierig zu sein. Die Förderung der
Kreativwirtschaft kann hier wichtige
Weichen stellen.
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