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Junge_Kunst - Die aktuelle Ausgabe

 Junge_Kunst Nr. 84:
KUNSTPRODUKTION AN DER PERIPHERIE
KUNST IM KIEZ
THE ECONOMY OF CULTURE.

 

 
 
 

 

VOM MUT, NEUES ZU WAGEN

EDITORIAL: ALEXANDRA WENDORF

Das Denken in gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen hat zunehmend auch Kunst und Kultur in den Fokus von Wirtschaftsdebatten gelenkt. Längstens haben Verantwortliche der Politik und Wirtschaft erkannt, dass kreatives Potenzial untrennbar mit einer prosperierenden und innovativen Gesellschaft einhergeht. „Kreativwirtschaft“ ist das Wort, das in aller Munde ist und seit längerem den Kommunen und Städten aus der finanziellen Misere mithelfen soll. Die Definition des Begriffs und eine klare Antwort, auf die Frage, was nun eigentlich unter „Kreativwirtschaft“ zu verstehen sei, gibt es allerdings nach wie vor nicht. Dies ist insofern nicht ganz unproblematisch im Hinblick auf die Rolle der Künstler im Besonderen und die Bedeutung von Kunst und Kultur generell. Hier steht die Überlegung im Raum, was und wie gemessen, vermittelt und gefördert werden soll. Kunst als rein produktive Leistung betrachtet, müsste zwangsläufig nach ihrem Markterfolg bewertet und entsprechend gefördert werden. Eine wichtige Grundlage für kreatives, künstlerisches Schaffen sind aber gerade Unabhängigkeit und Unberechenbarkeit statt Messbarkeit und Kalkül. Während also Kreativität durchaus zweckgebunden sein kann und sollte, kann dies für Kunst gerade nicht gelten. Es ist die alte Diskussion über die Freiheit der Kunst, die an dieser Stelle nicht weitergeführt werden soll, wohl aber zu Bedenken gegeben wird.

Die Beispiele unseres Autorenteams, das für diese Ausgabe neben der „Kreativwirtschaft“ auch außergewöhnlichen Ausstellungsorten und -ideen nachgegangen ist, zeigen, dass künstlerische Projekte zumeist auch Auswirkungen auf verschiedenen wirtschaftlichen Ebenen haben. Sei es etwa die Atelier- und Produktionsstätte Fabrik Hégenheim, mitten im kulturellen Niemandsland gelegen: Während Wirtschaftsunternehmen sich hier seit langem zurückgezogen haben, beleben nun Künstler den Ort und nutzen das, was für andere nutzlos war. Derartige strukturelle und regionale Veränderungen lassen sich auch für Berlin beobachten, wo der Umzug der 6. Berlin Biennale von der hippen Berliner Mitte hin zum nun wieder angesagten Kreuzberg zu heftigen Reaktionen und Diskussionen geführt hatte. Aber auch Projekte wie etwa der als Gesamtkunstwerk konzipierte „Kometor“ im kleinen oberösterreichischen Peuerbach wird schnell einen regen Besucherstrom nach sich ziehen. Sogar künstlerische Interventionen in Berliner Mausoleen und Initiativen in wissenschaftlichen Museen bewirken Grenzüberschreitungen und synergetische Prozesse, ohne dass diese intendiert gewesen wären.

Grenzüberschreitungen gehören zur Kunst. Künstler arbeiten in der Werbung, Gestaltung und in zahlreichen kreativen Berufen. Technologische Neuerungen bieten ungeahnte Ausdrucksmöglichkeiten, die Sehgewohnheiten und Rezeptionsfähigkeiten verändern. Künstlerische Prozesshaftigkeit führt zu jeweils neuen Lösungen und Formen – ein Aspekt, der viel mehr als jeder andere das Potenzial von Kreativität charakterisiert. Es ist der Mut, immer wieder Neues zu wagen und neugierig zu sein. Die Förderung der Kreativwirtschaft kann hier wichtige Weichen stellen.